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08.04.2006 - Subway to Sally “Nackt” - Die Akustiktour (Magdeburg - Factory)
Na das ist ja mal ein Kontrast, gestern noch im Hannoveraner Capitol auf den den Spuren der Electropeople und heute volle Kraft zurück, hinein ins tiefste Mittelalter mit Subway to Sallys oft gewünschter aber lang verweigerter Akustiktour.
Ja liebe Freunde, es hat zwar 13 Jahre gedauert bis sich die Potsdamer Folkmetaller endlich einen Ruck gaben, doch nun sind sie bereit, um gemeinschaftlich die Rückkehr in den Garten Eden anzutreten und von der verboten geglaubten Frucht zu kosten. Anders lässt es sich wohl kaum erklären, weshalb die Band erst jetzt dieses unvermeidliche Wagnis eingeht, sich musikalisch "nackig" zu machen.
Getreu der Maxime "Wenn schon denn schon" haben sich die Sieben dafür nun umso intensiver mit der Akustikmaterie auseinander gesetzt und ausgewählte Stücke von 1995 bis Nord Nord Ost für ein knapp zweieinhalbstündiges Mammutprogramm neu arrangiert. Unterstützt wurden sie dabei von Cello-Legende B.Deutung (Inchtabokatables / Deine Lakeien), der Band auf gesamten Tour begleiten wird.
Derweil die Akustiktour vorerst ein einmaliges Event bleiben wird, dennoch aber möglichst viele Fans in den Genuss der Konzerte kommen sollen, buchte man gleich mal 20 Termine, nur um binnen kürzester Zeit festzustellen, dass man doch noch einige Konzerte würde nachschieben müssen. Warum wohl?!!? Da sich Magdeburg, im speziellen die Factory, in der Vergangenheit schon öfter als dankbare Station für den Tourstart erwiesen hat, durfte sich die Stadt an der Börde, heute erneut über einen Besuch von Subway to Sally freuen und wie es der Zufall so will, wieder am Anfang der Tour.
Nachdem Subway bereits gestern ihre Feuertaufe im Leipziger Anker zu bestehen hatten und dort für eventuelle Pannen noch entschuldigt waren, galt in Magdeburg heute bereits das Prinzip "Pflichterfüllung" bei gleichzeitiger "Rhythmusfindung". Es muss schon ein beklemmendes Gefühl sein, wenn man als Musiker nach nur 6 Monaten erneut mit komplett neuem Programm auf Reisen geht und lediglich die Praxis aus dem Proberaum in der Hinterhand hat. Irgendwo ist dann auch noch jeder Club anders und wenn erstmal die Scheinwerfer auf einen gerichtet sind, baut sich doch eine komplett andere Stimmung auf, als im stillen Kämmerlein unter Freunden. Insofern würde der Tag in Magdeburg sicher nicht zu den leichtesten der Tour gehören und dann war da ja auch noch "diese Schlange". Kein Garten Eden ohne eine Schlange! Nur dass die Schlange heute nicht zur Gattung der Reptilien zählte, sondern aus erwartungsfrohen Menschen bestand, die brav an der Perlenschnur aufgereiht vor dem Eingang darauf warteten herein gelassen zu werden.
Nachdem sich der Saal bis etwa 20 nach Acht bestens gefüllt hatte und aufgrund des opulenten Bühnenbildes eine Vorband vermutlich zu unverantwortlichen Umbauzeiten geführt hätte, konnte es direkt mit der "nackten Wahrheit" über Subway to Sally losgehen. Doch halt, stop! Das Bühnenbild!
Was für ein Anblick: Vor einem blau beleuchteten, mit Vorhängen und leinenen Kirchenfenstern behangenen Hintergrund, waren 7 kunstvoll gestaltete Holzstühle in Zweierreihe aufgebaut (4 vorn, 3 hinten), sowie Simon Michaels leicht geschrumpftes Schlagzeug mit einem Gong, welches seitlich zum Publikum inmitten all der Stühle Platz fand. Über den Köpfen der Musiker sorgte zudem ein Halbkreis aus efeuberankten Scheinwerfern für stimmungsvolle Beleuchtung und auch die Stühle hatte man stilvoll mit allerlei Grünzeug bewaldet. Alles in allem ergab sich ein geradezu andächtiges Bild, dass durchaus mit dem Ambiente eines Kirchenschiffes schritt halten konnte, wenn gerade mar kein reales zur Hand war und die Neugierde auf das Konzert in schwindelerregende Höhen trieb.
Der erste von den Acht der sich traute (sehr ungewohnt das zu schreiben), war Sugar Ray. Bewaffnet mit einer altertümlich anmutenden Bassgitarre, nahm er auf dem Stuhl hinten links Platz. Es folgten die weiteren Mitglieder von Frau Schmitt und B.Deutung (hinten rechts) über Bodenski (vorn links), Simon (vorn rechts), Simon Michael an den Drums, Ingo, der als musikalischer Kopf der Band erstmals vorne in der Mitte Platz nehmen durfte und natürlich Eric, gleich nebenan. Dabei war die Band heute komplett in Schwarz gekleidet, mit individuellen Outfits die vom knappen Hosenrock über erhabene Mäntel bis hin zu einer majestätisch anmutenden Robe reichtten, in der Eric nicht von ungefähr an einen gewissen kirchlichen Würdenträger erinnerte, wenn man sich mal die Farbe wegdachte.
Nach der Deko und dem Outfit rückte dann schließlich die Musik in den Vordergrund. Auch ich gebe zu, dass ich als langjähriger Konzertgänger von Subway to Sally nicht so recht wusste was mich erwartet, zumal sich der Umsetzung des Akustikthemas ja durchaus auf mehrere Arten begegnen läßt. Doch schon der Opener "Böses Erachen" deutete an, dass Subway to Sally Nägel mit Köpfen gemacht und die Umstellung auf Akustik nicht mit einem Sprung ins Balladenlager verwechselt hatten. Doch als "Das Rätsel" gleich hinten an folgte, wurde aus der bangen Frage "Was soll das bloss werden?" schnell die Gewissheit "Das wird was werden!". Und das wurde es dann auch! Ein ganzer Sack voller Überraschungen, alter Songs, verschollen geglaubter Strophen und vielem mehr wartete darauf entdeckt zu werden, während die Band langsam in Fahrt kam.
"Minne" war gleich so ein Beispiel: Der Song von der 99er Hochzeits-LP bestand ursprünglich aus drei Strophen, von denen die Letzte bislang nur regelmässig auf Eric Fish Solokonzerten zu hören war. Für die Akustiktour haben sich Subway to Sally dieser dritten Strophe erinnert und sie kurzerhand in die Show integriert. "Ein Baum" beschwörte hernach Bannkreiszeiten herauf, bevor mit "Horo" ein Titel folgte, bei dem zur Abwechslung mal wenig Spielraum für Veränderungen blieb.
Zusätzlich zu der aussergewöhnlichen Songauswahl, "Der Hofnarr" ewig, "Element des Verbrechens" (zumindest ich) noch nie live gehört, hatten Subway to Sally einen weiteren Star auf der Bühne, ihr Instrumentarium: Wo zuletzt E-Gitarre, Synthiloops und Windcontroller für moderne Elemente und ein breit gefächertes Klangbild sorgten (man erinnere sich nur an die Chöre und Orchestersounds der Nord Nord Ost), erzielten die Acht heute einen ähnlichen Effekt auf völlig unterschiedlichem Wege. Natur pur, lautete die Devise, bei der Sugars Umstieg auf die akustische Bassgitarre nur die Spitze des Eisbergs markierte. Neben B.Deutung, der Frau Schmitts Streicherfraktion mit seinem Cello verstärkte, hatte Simon für Minne ein Trummscheit im Köcher, Eric blies, wenn er nicht gerade sang eine echte Flöte und Ingo links daneben schoss regelrecht den Vogel ab: Als Multiinstrumentalist vor dem Herren wechselte er pausenlos (manchmal sogar innerhalb der Songs) zwischen den seltsamsten Geräten und arbeitete sich dabei vom Ud, der Laute über die Geyerleier, bis hin zum Bodhran (eine irische Rahmentrommel) vor. Altbewährt aber deswegen nicht minder exotisch, durfte auch Bodeskis Drehleier nicht fehlen, die der Langhaartiger der Truppe routiniert herunterkurbelte. Etwas unterrespräsentiert, weil schlicht im Vergleich zu laut, blieb hingegen der Dudelsack.der nur ein Mal zum Einsatz kam.
Fürs erste hatte sich der Abend in seine geordnete Bahn gefügt. Die Band wurde mit jedem Stück locker und als Zuhörer hatte man trotz der "Akustik-Etikette" das Gefühl ein Konzert von Subway zu Sally zu erleben. Dies wurde besonders deutlich, als mit "Sieben" die erste wirklich harte Nuss im Set auftauchte. Hatte die Band bei den älteren Nummern noch den Vorteil, über weniger Metalelemente und Bombast hinweg spielen zu müssen, forderte "Sieben" mit seinem schwungvollen Naturell das volle Programm. Erstaunlich, wie viel von der ursprünglichen Kraft in die Akustikfassung herüber geretten wurde. Keine Frage, das Teil rockt selbst ohne Strom amtlich! Gleiches galt für Mephisto: "Ich bin dein Meister, ich bin dein Mann" schallte es durch die Factory und mit "Stillstehen und Schnauzehalten" war es, sehr zu Erics Leidwesen, jetzt endgültig aus! "Seit 10 Jahren bin ich diesen Song gesprungen. Ihr wisst gar nicht wie schwer das ist hier sitzen zu bleiben" seufzte der Subway Sänger leidend ins Mikrofon. Da fragte man sich was ihm wohl mehr zu schaffen gemacht hatte, die Nervosität vor dem Auftritt oder der heuerige Hummelschwarm im Hintern, der langsam aber stetig die Oberhand gewann.
Sicherheitshalber hatte man Eric aber mit der vollgestellten Bühne halbwegs an die Leine gelegt, sodass nun das Publikum gefragt war, für Bewegung zu sorgen. "Rätsel II" schien nach einem halben Jahr auf Tour inzwischen zum Liebling der Massen aufgestiegen zu sein und so befand Chorleiter Fish anschließend das Magdeburger Volk als ausreichend eingesungen, um bei dem nachfolgenden "Kleid aus Rosen" "jeden Ton zu treffen". Haaaa!Haaaa! ;)
Neu war mir bislang die Existenz einer Todessehnsuchtstrilogie (oder gehört Unterm Galgen inzischen dazu?!?), deren zweiter Teil für einen nicht minder hohen Stimmpegel aus Richtung Saalinnerem sorgte. "Maria", "Liebeszauber" und auch die flinke Version der "Arche" sorgten für feierliche Gänsehaut. Dann sang es von der Bühne "Der letzte macht die Lichter aus", das Licht erlosch, Jubel brandete auf und die "Erpelpelle" ging in Serienproduktion. Meine Güte, wo sollte das noch hinführen?
Für einen aus der Band reichte es zumindest mal für eine kleine Sonderbehandlung: Eigentlich wollte die Band jung-Drummer Simon Michael nur noch einmal den letzten unwissenden namentlich vorstellen. Was jedoch passiert wenn man dabei an das falsche Publikum gerät, zeigte sich postwendend, als der Mob gierig "Solo! Solo! Solo!" skandierte. Klein Simon, liess sich den Spaß nicht nehmen und trommelte grinsend ein spontanes Solo in die Klamotten. Eine Aktion, die unter Ex-Schlagzeuger David so kaum denkbar gewesen wäre.
Obwohl das Konzert nun langsam in seine Endphase eintrat wurden Subway nicht müde ein wenig ihren Backkatalog aufzuabeiten und das Raritätenkabinett zu pflegen. "Sag dem Teufel" machte akustisch eine tolle Figur, "Die Braut und der Bräutigam" fetzte regelrecht und "Carrickfergus" machte dem Spuk vorläufig ein Ende. Erleichtert und glücklich erhob sich die Band von Ihren Plätzen und liess sich vom verzauberten Publikum feiern. Nach der Pflicht folgt bekanntermassen die Kür, und so begann der Zugabenteil mit einer Bühnen-Premiere. Aus unerfindlichen Gründen hatte sich das "Schlaflied" vom Bannkreis-Album bislang erfolgreich vor einer Live-Aufführung gedrückt und wurde auf Wunsch eines vereinzelten Leiermanns nun endlich ins Set aufgenommen.
Weit weniger schlaftrunken ging es bei "Ohne Liebe" zur Sache. Gemeinsam mit "Julia und die Räuber" lösten sich hier die Grenzen zwischen Akustikset und Rockshow auf, woraufhin beide Welten umgehend miteinander Verschmolzen. Somit war der weg frei für die gegenwärtigen Kronjuwelen von Subway to Sally, sodass zu Feuerkind und Seemannslied noch einmal tief in die Breitwandtrickkiste gegriffen wurde.
Ein letztes Mal verabschiedeten sich Subway to Sally nun von ihrem Publikum und ließen sich von tosendem Beifall in ihrem Tun bestätigen. Der Band war es in den vergangenen zweieinhalb Stunden gelungen, alten Songs eine musikalische Frischzellenkur zu verpassen, neue Songs akustisch zu modifizieren,oft sogar zu intensivieren und dabei nicht Eintönigkeit zu verfallen. Eine Vielzahl an altertümlichen Instrumenten tat ihr Übriges zum stilvollen Ganzen des Konzertes und nicht zuletzt wurden die Träume und Wünsche vieler jüngerer Fans erfüllt, die viele der Songs heute zum ersten mal Live erlebt haben dürften. Subway to Sally "Nackt" in Magdeburg war ein faszinierendes Erlebnis das tief unter die Haut ging, auch wenn sich dabei niemand ausgezogen hat!
Trotz der überaus positiven und sehr überraschenden Eindrücken des Abends merkte man der Band natürlich an, dass bei der Frische der Show noch ein wenig die Angst vor der eigenen Courage im Spiel war. Die Konzentration voll auf der Musik, wurde zwischendurch nur wenig kommuniziert und der bekannte Wortwitz der Frontriege blieb vorerst auf der Strecke. Dafür hatte sich die hintere Reihe um so lieber. Es war schon interessant festzustellen, dass ausgerechnet der jüngste der Truppe, Simon Michael, als erster die Lockerheit zum Posen gewann und gemeinsam mit Frau Schmitt, abklatschender Weise eine intakte Bandchemie nach Außen trug.
In der Factory lichteten sich nach Konzertende die Reihen. Einige Besucher, vor allem die weiter gereisten, machten sich alsbald auf den Heimweg, während im Saal das Stammpublikum zur Aftershowparty auflief. Draussen im Foyer, waren indes schon kurz nach Showschluss die ersten Bandmitglieder auszumachen, denen es ein spürbares Bedürfnis war, sich mit dem Volk über das gerade abgelieferte Konzert auszutauschen. Auch hier war Simon Michael wieder der erste, da er sich gleich samt Bühnenklamotte unters Volk mischte.
Gegen halb 2 Uhr morgens machte ich mich dann auf den Weg zurück und freute mich insgeheim schon sehr auf den kommenden Donnerstag um im Capitol-Hannover die frisch gesammelten Eindrücke zu intensivieren. Bei derart vielen Impressionen von einem einzigen Abend war das auch bitter nötig. Derart viele Aussergewöhnlichkeiten auf einen Schlag kann ein normaler Mensch nur schwer vearbeiten!
Also, bis zum nächsten Mal!
Euer Ritti
---> FOTOS VOM KONZERT <---
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