Folge 53 - VNV Nation Formation-Tour 2005 (Magdeburg - Factory):

Hallo und Herzlich willkomen zu einer neuen Ausgabe von Rittis Feierabend und damit nach längerer Pause wieder zurück in der Magdeburger Factory, wo heute der Tross der VNV Nation "Formation" Welttournee 2005 Station machte.

Als einer der bedeutendsten Experten in Sachen elektronischer Tanzmusik weltweit gehört Ronan Harris bereits seit Jahren zu den Musikern, deren Alben von einer breiten Masse beachtet und bisweilen kontrovers diskutiert werden. Man möchte sogar meinen, ein neues Album von VNV Nation errege ähnliche Aufmerksamkeit als würde im Vatikan ein neuer Past gewählt. Alle schauen hin, jeder hat seine Meinung und am Ende teilen sich Fans und Kritiker in die Läger jener, die "Futurepope" Harris bedingungslos folgen und jener, die in jedem Takt einen technoiden Rave-Verrat an der Szene-Kultur wittern, während Sir Ronan sich derweil entspannt zurücklehnt und über die Engstirnigkeit mancher Hörer schmunzelt. Mit dem neuen Album Matter & Form gelang es ihm jedoch einige seiner Kritiker und über die Jahre verprellten Fans zurück zu gewinnen. Facettenreich und über den Tellerrand schauend, weg vom Einheitstanzbudengeböller, hin zu verspielten, mitunter gänzlich untanzbaren Arrangements, läutete Harris eine neue, reifere und musikalischere Phase von VNV Nation ein, die er zusammen mit seinem Kompagnion Mark Jackson heute in der Factory live vorstellen wollte.

Vor dem Eingang des Dominionclub, so der Beiname des ehemaligen Fabrikgebäudes, tummelten sich daher schon gegen 19 Uhr zahlreiche auf den Einlass wartende Fans aus nah und fern, die sich aus Gelegenheitsbesuchern, VNV-Virgins und kampferprobten Hardcorefans zusammensetzten. Inmitten diese Gesellschaft fanden sich auch einige bekannte Gesichter, die schon des öfteren in der Factory und an anderen Orten zu sichten waren. Neben Carjay Ash, der mit seinem Geböller vor dem Eingang hier und dort für schmunzelnde Blicke sorgte, zeigte auch die VIP-Nation in Person von Nachtwandler, PTI und einigen anderen, mir namentlich leider nicht ganz so bekannten, Gesichtern Präsenz.

Da sich mittlerweile eine recht ansehnliche Menschenkette von der Treppe bis hin zum Parkplatz "formiert" hatte (noch ´ne "Formation") entschied man sich in der Factory dazu die Pforte zu öffnen und das wartende Volk etappenweise, aber dennoch zügig herein zu bitten.

Die Factory selbst hatte sich im Vergleich zu meinem letzten Besuch im November 2004 noch einmal stark verändert. Von aussen immernoch eine Trister Bau mit Grafittischmier, hatte man sich Innen nun ordentlich ins Zeug gelegt. Nach den finster glühenden Augen über dem Zwischenportal und dem tanzflächenseitigen DJ-Pult hatte man im Konzertsaal nun eine Vip-Loge installiert, die mittels eines entsprechenden Laminatwerks zugänglich wurde und über dem hinteren Tresenbereich, einen freien Blick auf die Bühne, sowie Couchmöbel als Sitzgelegenheit bot. Da sich der Konzertraum heute rasch füllte, erschien es mir jedoch sinnvoll das neu erschlossene Platzangebot links liegen zu lassen und zügig in Richtung Bühne zu verschwinden, wo gleich der eigentliche Spaß beginnen sollte.

Mit Soman durfte sich dann etwa gegen halb Neun der erste der beiden Supporter auf die Bühne trauen. Eingerahmt von allerlei Technik (die die mittelgroße Bühne ziemlich vollgemüllt aussehen ließ) und zwei elektrisch beleuchteten Schildern mit der Aufschrift (na drei mal dürft ihr raten) Soman, machte sich die ein Mann Show "Soman" ans Werk Ihren "industrial for the clubs"-Sound unter die Leute zu bringen. Optisch wie eine stechwütige Kreuzung aus Zini dem Wuslon und Karl der Kampfhornisse anmutend, feuerte der sonnenbebrillte Starkstromelektroniker hinter seinem Keyboard eine halbe Stunde lang ordentlich ein, um dem Magdeburger Publikum Beine zu machen.

Doch während eingeweihte Erstenreihenstammbesucher bereits von Beginn an phosphorstäbchenschwingend einen auf Party machten, dauerte es beim Rest des Publikums schon eine Weile bis es verstand wohin der Hase bei Soman läuft. Nach und nach sprangen jedoch immer mehr Besucher auf den heranrauschenden Partyzug auf und liessen sich von den heftigen, jedoch nicht brachialen Industrialbeats Somans in Bewegung versetzen.

Obwohl Soman rein konzeptionell betrachtet sicher nicht zu den Acts gehört, deren Wunschheimat die Konzertbühne ist, schraubte der Herr hinter den Tasten recht unterhaltsam an den Knöpfen und sorgte für einen netten Start in den Abend.

Als zweite im Bunde standen kurz darauf die Jungs von Diorama auf dem Programm, welche kürzlich mit ihrem neuen Album "Amaroid" einigen Staub aufwirbeln konnten. Somit machten sich Wendt und Band nun ans Werk dem Abend ein wenig wenig mehr Tiefgang zu verleihen, da Sie im Vergleich zum wuselnden Einer vorneweg, nicht den Remmi mit dem Demmi boten, sondern sich vielmehr Hinterrücks an die Ohren des Publikums schlichen.

Vom Naturell her eher Musik zum Zuhören, gaben sich ex-Diary of Dreams Mitstreiter Torben Wendt am Gesang und seine beiden Mitstreiter jedoch große Mühe, ihr Set nicht zur Kammervorstellung ausufern zu lassen. Vorwiegend tanzbare Nummern, wie der "Amaroid"-Opener "Logic Friend", "Advance" oder das stampfend-aggressive "The Girls" sorgten für Schub, während man mit "Someone Dies" auch eine herrlich melancholische Synthipopnummer im Programm hatte.

Auf das Publikum vermochte der Funke indes nicht so recht überzuspringen. Ob es nun daran lag, dass die Band zu 90% im Dunkeln agierte und kaum zu sehen war oder ob vielen jungfräulichen Ohren das Gebotene doch zu sperrig war sei dahin gestellt. Fakt ist aber, dass das Trio mit ihren träumerisch-elektronischen Klangwelten am Ende unter Wert geschlagen wurde, was eigentlich schade ist, denn wer ihre Alben kennt muss anerkennen, dass Diorama Einiges zu bieten haben!

Die anschließende Umbaupause nutzte der überwiegende Teil der VNV-Fans dazu sich einen möglichst guten Platz vor der Bühne zu sichern. Ein Unterfangen welches angesichts der immer klaustrophopischer anmutenderen Raum-Verhältnisse immer mehr zum Himmelfahrtskommando ausartete. Rappelvoll bis in die hinteren Reihen, so lautete der Status Quo in der Factory und alle warteten auf den Einen, den Messiahs, den ungekrönten, dennoch oft zitierten, Papst der elektronischen Tanzmusik,  Mr. Ronan Harris!

Und dann ging es los: Videoeinblendungen verkündeten vom Einmarsch des Pontifex sowie seiner inzwischen auf drei Köpfe angewachsenen Live-Combo und sandten so die Vorboten eines fast zweistündigen Gewitters in den Saal, welches nun in der Factory seinen unaufhaltsamen Lauf nehmen sollte. Mit dem neuen Album "Matter & Form" im Rücken, bildete "Chrome" sogleich die mehr als logische Ouvertüre der VNV-Formations-Festspiele 2005, bei denen, rückblickend betrachtet, Fans und solche die es werden wollten nahezu voll auf Ihre Kosten kamen:

Die neue Platte mit Ausnahme der Instrumentals komplett im Programm integrierend, brachten Ronan und sein schlagfertiger Freund Mark die Factory im Nu zum Kochen, wobei sich die neuen Songs in punkto Live-Potential kaum hinter bewährten Zündern, wie Kingdom, Honour 2003, Standing oder Beloved verstecken mussten. Das aggresiv-treibende "Entropy" etwa zur Konzerthälfte war ein gutes Beispiel hierfür und konnte es locker mit dem Futureperfect-Abräumer "Epicentre" aufnehmen, während Endless Skies gekonnt auf die Gefühlsdrüse drückte, "Homeward" im Zugabenteil zur Live-Hymne avancierte und "Perpetual" noch vor Ort zum offiziellen Fanclub-Soundtrack erhoben wurde.

Neben der musikalischen Seite in Begleitung von NamNamBulu´s Vasi und Kampfhornisse Karl (nun als Arbeitsbiene Willi) an den Keyboards, bot der Abend allerdings noch weitaus Erwähnenswerteres:

So verstand es Wahl-Hamburger Ronan blendend sein Publikum bei Laune zu halten, indem er eine zufällig auf der Bühne umherliegende Quasselstrippe aufhob und fröhlich mit den Fans Smalltalk hielt. Größtenteils in akzentfreiem Deutsch moderierend wollte er dann auch gleich mal wissen, wer ihm da eigentlich gegenüber stand. Nach und nach fragte er ein Bundesland nach dem anderen ab und förderte so ein erstaunliches Ergebnis zu Tage. "Sind irgendwelche Sachsen hier?"..."joooh", "...jemand aus Bayern?..." "jo!"..."aus Hambur"ch"!?..." "jooooh", "Sachen-Anhalt?" "jooooooooo", "Niedersachsen?" "WuaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhR". und plötzlich stand nicht nur die Bude Kopf sondern auch die Kinnlade des Herrn Harris ganz schön offen. Ziemlich verdutzt (wie auch ich) konnte er sich daher eine Bemerkung über den Lautstärkepegel der sonst so lethargischen Niedersachsen nicht verkneifen.

Mit seiner sympathisch-humorvollen Art führte Sir Ronan of Harris danach weiter durch den Abend, wenngleich seine Moderationen und Gags fortschreitender Stunde begannen etwas überhand zu nehmen. Als sich nach etwa 70 Minuten auch noch Drummer Mark ins Spiel brachte und augenzwinkernd behauptete "joah das war´s Leute wir haben dann mal nix mehr" begannen die Grenzen zwischen Live-Konzert und Quatsch Comedy Club langsam zu verschwimmen. Doch getreu dem Motto: Übermut tut selten gut, gabs von irgendwo aus dem Publikum gleich die Quittung: "Quatscht nich´ soviel, spielt mal Musik" muss es von irgendwoher gerufen haben, worauf Ronan mit einem ironischen "Wir sollen aufhörn zu quatschen? Cool dann könn´ wa´ ja jetzt einen Saufen gehen" konterte.

Letzteres passierte natürlich nicht  (zumindest noch nicht) und so kämpften sich VNV und ein vollkommen in Extase geratenes Publikum durch ein schier unglaubliches Repertoire an Zugaben, das immer wieder von minutenlangen "VNV"-Sprechchören begeleitet wurde bevor auch der Letzte Ton der "Electronauten" noch einmal alles aus der völlig ausgepumpten Masse holte und sich Ronan von ganzem Herzen bei allen Anwesenden für einen geilen Abend bedankte.

Nach der Show war Aftershow (ach echt?!) Und während die Crew auf der Bühne langsam den Abbau besorgte, war es für die DJ´s an der Zeit der noch immer rappelvollen Factory, mit vorwiegend elektronisch orientierter Musik aus der Konserve bis in die frühen Morgenstunden einzuheizen.

Alles in allem war der heutige Konzertabend vor allem in punkto Stimmung ein echtes Highlight. Da wurde bis in die letzten Reihen hinein mitgegangen und mit Ronan Harris war ein erstklassiger Unterhalter gefunden, der wußte was er seinen Fans schuldig war, wenngleich er ab und an etwas über das Ziel hinaus schoss. Diorama und Soman gaben jeweils auf Ihre Art auch eine gute Figur ab, sodass der Abend ohne weiteres als rund zu bezeichnen war. Einzig die flaue Bühnenbeleuchtung wusste den Eindruck etwas zu trüben, da über weite Strecken bestenfalls Schatten über die Bühne huschten. Daran sollte man vor allem aus Sicht der zahlenden Fans dringend arbeiten. Schließlich will man ja auch sehen wer einem da gegenüber steht ;).

Bis zum nächsten Mal,

euer Ritti!

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