Folge 51 - 20.03.2005 - Zeraphine / Lab (Hannover - Capitol):

Hallo Freunde und wie immer herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Rittis Feierabend. Nachdem in der letzten Ausgabe die 69 Eyes mit einem starken Auftritt ihre Fußstapfen in Hannover hinterlassen hatten, geht es heute nahtlos weiter mit den Jungs von Zeraphine.

Ihres Zeichens irgendwo in der Schnittmenge von Gothic- und Alternative Rock angesiedelt, hatte sich das von Sven Friedrich angeführte Quintett reichlich spät in Hannovers Konzertsaal Nummer 1, dem Capitol, angekündigt. Und so knapp wie der Promovorlauf des Konzertes ausgefallen war, so schleppend schleppten sich auch die vorwiegend weiblichen Fans in Richtung Konzertkasse, um eine nach der anderen ihre Tickets zu lösen. Und so hiess es die ersten 60 Minuten nach Toreöffnung erst einmal abwarten und Tee trinken, in der Hoffnung dass sich der, soviel stand jetzt schon fest, hoffnungslos überdimensionierte Veranstaltungsort wenigstens noch halbwegs zu füllen vermochte. Doch auch der abgesperrte Balkon vermochte nicht über die vorläufige Publikumsarmut hinweg zu täuschen. Ganz im Gegensatz zum letzten Konzert bei den 69 Eyes bot sich mir daher die Gelegenheit ohne große Anstrengung in Richtung Wellenbrecher vorzustoßen, wo bereits drei Dutzend junger Damen den Kampf um die Pole-Position unter sich ausgemacht hatten.

Obwohl noch immer kaum etwas los war, machten sich die Supporter von "Lab" 15 wenn nicht gar 20 Minuten zu früh auf den Weg zur Bühne. Ein Phänomen dass im Capitol bereits des öfteren aufgetreten war und ich bis heute nicht ganz nachvollziehen kann. Wenngleich die Musiker zunächst noch ihre Instrumente einem finalen Check unterzogen, kamen sie schon kurz darauf zurück und begaben sich unvermittelt in medias res:

Angeführt von ihrer hübschen Frontdame Ana hinterließen die Finnen allerdings einen eher zwiespältigen Eindruck in Hannover. Inmitten der mit weißen Tüchern behängten Bühne präsentierten sie eine eigenwillige Mixtur aus finnischen Gothicrock ("When heaven gets dirty") und elektronisiertem Alternative-Geschraddel der Marke Garbage ("Machine Girl") begleitet von einem irritierenden "Prinzessin auf der Erbse"-Appeal.

Dabei überliessen die 4 Herren in Person von Kirka (Bass), Johannes (Gitarre), Pekka (Gitarre) und Masa (Drums) vornehmlich ihrem blonden Engel Ana die Bühne, welche dem Betrachter während ihrer halbstündigen Darbietung so manches Rätsel aufgab: Von den besagten Prinzessin auf der Erbse-Posen über die Bewerbung zur Miss Klapperstorch 2005, einige Grapscher aufs Gesäss, bis hin zu den seltsamen Bodenturnübungen gegen Ende hatte die Dame so einige Verrenkungen am Start, derer man sich zwar hinterher bestens erinnern wird, die jedoch mit Musik nicht das geringste zu tun hatten. Und so stand zumindest bei ihr dann auch dir Kür ein wenig vor der Pflicht, was man besonders beim Titel "Machinegirl" feststellen musste, als ihr in den höheren Tonlagen ein wenig die Stimme ausging.

Obwohl sich Lab musikalisch von einer abwechslungs-
reichen Seite zeigten und die Vorstellung ihres neuen,
von Starproduzent Hiili Hilesmaa veredelten  Albums "Where Heaven Ends" mit einer bunten Songauswahl zwischen hart und zart über die Bühne brachten, vermochte der Funke nicht so recht überzuspringen. So hatte sich der Zuschauerraum zwar gegen Ende der Show etwa zur Hälfte gefüllt, doch die Mehrzahl des Publikums wartete entweder auf Zeraphine oder wusste mit der abgedrehten Perfor-
mance der Sängerin nichts anzufangen. Entsprechend emotionslos nahm man "Lab" in Hannover entgegen und spendete bestenfalls Höflichkeitsapplaus sowie ein über-
raschtes "Oho" als Ana von ihren angesammelten Deutsch-
kenntnissen Gebrauch machte und einen Titel in Landes-
sprache ankündigte. Mehr gab es jedoch nicht zu erleben und um ehrlich zu sein reichte das auch.

Während die Umbaupause nun ihren Lauf nahm, fanden sich allmählich dann doch noch viele Fans vor der Bühne ein, die in lockerer Runde das Capitol zumindest einigermassen füllten um Zeraphine einen ordentlichen Bahnhof zu bescheren. Und wie die Bühne so ruhig da lag, erwachten in mir die Erinnerungen an eines der ersten Konzerte der Band. Damals noch unter dem Namen "Helix" mehr oder minder Inkognito als Spassband gestartet, spielten Sven Friedrich und seine Jungs vor knapp 4 Jahren ihre erste Supporttour gemeinsam mit der Letzten Instanz. Ich werde wohl nie den Moment vergessen als die 5 das erste Mal vor 30 Leuten auf die viel zu kleine Bühne des Nürnberger Hirschen traten und die ersten Klänge von "Flieh mit mir" erschallten, bis man feststellte dass, ich glaube es war Normans Gitarre, nicht wollte wie sie sollte. Also alles nochmal zurück auf Anfang. Intro ab: und dann legte man sich vor einer Geisterkulisse ordentlich ins Zeug. Das waren Zeiten! :)

Tja, in der Zwischenzeit ist viel passiert. Spielten Helix schon am darauf folgenden Abend im proppevollen Faust, schlugen sie als Zeraphine auf dem M´era Luna 2002 ein wie die sprichwörtliche Bombe, als sich morgens um 11 tausende schwarzgekleideter Menschen um die gigantische Bühne scharten. Dann folgten das zweite Album “Traumaworld” sowie eine Tour an der Seite der finnischen Gothicrocker HIM und mit ihrem aktuellen, bislang stärksten Album "Blind Camera" demonstrierten die Berliner eindrucksvoll was man mit kontinuierlicher Arbeit alles auf die Beine stellen kann.

Und dann waren sie plötzlich da! Angefeuert von einer herzlichen Begrüßung (kreiiissch*) schritten Norman, Manuel, Michael, Marcellus und natürlich Sven von neonbeleuchteten Stoffzylindern und einer kunstvoll mit Tüchern behangenen Deckenkonstruktion eingerahmt zur Tat, um den Abend mit ihrem energiegeladen Rocker "I never want to be like you", gefolgt von der aktuellen Single "Die Macht in Dir", sowie dem "Traumaworld"-Einheizer "No more doubts" angenehm flott zu eröffnen.

Wie von Zeraphine gewohnt gingen die Berliner dabei diskret aber bestimmt zu Werke. In der Konzentration auf das Wesentliche sortierten sie sich nicht in die Reihen der Poser-Bands und Bühnen-Egomanen ein. Fast ein wenig schüchtern, boten sie eine träumerisch intensive Rockshow ohne übertriebene Gesten und überflüssigen TamTam, die dennoch zu keiner Zeit lustlos oder statisch wirkte. Dafür sorgte alleine schon Sven, der zwar den Abend über nicht viele Worte verlor, dafür aber die großzügig bemessene Bühne auszunutzen wusste, um im Dauerlauf zwischen Schlagzeug und Bühnenkante den Boden zu wienern. *flitz*

Obwohl der Abend unter der Überschrift des neuen Albums "Blind Camera" stand, gestaltetet sich das Set der Berliner als bunter Mix aus allen drei Zeraphine Alben. Vom "Kalte Sonne"-Klassiker  “Sterne sehen” über das feurige "Die Welt kann noch warten" bis hin zu introvertierteren Stücken wie "United & Lost" gab man sich überaus abwechslungsreich. Ob dahei ein U2 Cover wie "New Years Day" unbedingt Not tat sei daher an dieser Stelle mal dahingestellt.

Wie dem auch sei, das Publikum passte sich dem Geschehen weitestegehend an und zeigte sich eingangs vorwiegend von der hörenden als der feiernden Seite, was nicht heissen soll dass Zeraphine bei Ihren Fans nicht ankamen. Im Gegenteil: Fasziniert hing das weite Rund an Svens Lippen, um bei nächster Gelegenheit freundlichen Applaus zu spenden oder sich über den einen oder anderen Song schon bei den ersten Takten mit lautem Jubel zu freuen.

Seine wirkliche Klasse spielte das Konzert jedoch in der zweiten Hälfte aus, als Zeraphine die dramaturgische Daumenschraube anzogen: Für "I´m Numb", das stille Highlight des Abends, verliessen Norman, Michael, Manuel und Marcellus die Bühne, während sich Sven in der Mitte aufstellte und, bis in die Haarspitzen mit Bühnenmagie vollgepumpt, ein emotional intensives Gänsehautsolo vortrug, das man feinfühliger nicht hätte darbieten können. Ganz gross! Und auch Partymässig vollzog sich nun eine Wende. Die Abfolge aus "Die Wirklichkeit", "Jede Wahrheit", dem Überhit "Kaltes Herz" und "Be my rain" brachte sprichwörtlich Lahme zum Gehen, bevor der imaginäre Vorhang mit der Gänsehautballade "Wenn du gehst" behutsam herab gelassen werden sollte.

Doch ein kecker Fan fasste die Ankündigung eben jenes letzten Titels als Aufforderung zum Dialog mit der Band auf und sorgte mit seiner Frage "Kommt dann noch In Your Room von Depesche?" für einen erfrischenden Lacher. Die Antwort blieben Zeraphine jedoch vorerst schuldig.

Schließlich galt es zunächst das obligatorische Zugabeprotokoll zu absolvieren. Und nachdem die Band mit dem amtlichen Namen Zeraphine freundlich gebeten wurde sich wieder auf der Bühne einzufinden, hatten die 5 Musiker zunächst andere Themen auf dem Zettel. Die eingängigen Hitraketen weitestgehend verschossen, nahmen sie sich nun Zeit dafür sperrigeres Material wie das ruppige "Flieh mit mir", "Traumaworld" oder "Kannst du verzeihen" zu spielen um kurz darauf erneut kurz zu verschwinden.

Der dritte und letzte Aufzug förderte mit "Unter Eis" noch einen weiteren Treffer der ersten Stunden zu Tage und man nahm sich die Zeit einen alten Tourritus zu pflegen, wonach auf jeder Tour ein zuvor ausgewählter Coversong ins Pro-
gramm aufgnommen wird. Dieses Mal lautete die Antwort auf die Frage "Zu mir oder zu dir",  "In My Place" von Coldplay, womit auch die Frage nach Depeche Modes "In Your Room" hinlänglich beantwortet wäre. Das abschließende "Until I Finally Drown" bettete dann nach fast 2 Stunden ein durch
die Bank angehmes, am Ende vielleicht etwas zu lang gestrecktes Rockkonzert zur Ruhe.

Alles in allem war es wieder ein schöner, wenn auch nicht bedingungslos genialer Abend im Capitol. Magische Momente und viele liebgewonnene Hits aus 3 Alben Zeraphine wurden erst später ausgelassen gefeiert und mit Lab hatte man sicher eine patentere Wahl für die Lösung der Stimmungshandbremse treffen können. Last but not least sei noch bemerkt dass Zeraphine im Vergleich zu den Finnen den schlechteren Live-Sound abbekamen, was zwar der Stimmung wenig abbrucht tat, aber dennoch nicht unerwähnt bleiben soll. Fakt ist, dass Zeraphine inzwischen zu den Top-Adressen zählen wenn es um alternativ angehauchten Gothicrock ohne schmierige Kitschkleisterei geht. Zeraphine setzen mehr auf Musik als auf Show mit allen dazugehörigen Nebeneffekten.

Tschüß bis zum nächsten Mal,
Euer Ritti!

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